Der deutsche Regisseur Werner Schroeter gilt als einer der wichtigsten Exponenten des Neuen Deutschen Films. Werner Schroeter wurde mit dem Goldenen Löwen der Jury der Filmfestspiele von Venedig 2008 für sein "innovatives, kompromissloses und oft provokantes" Werk ausgezeichnet.
Parallel zu seinen Opern- Theater- und Filminszenierungen konzipiert der vielfältige Regisseur seit 1973 ein umfassendes photographisches Werk. Eine Auswahl der Werner Schroeter Photographien wird in Zusammenarbeit mit Christian Holzfuss Fine Arts, Berlin und Transit Film, München, erstmals in der Jörg Heitsch Galerie München präsentiert. Die Photoarbeiten sind mit Polaroid-, Minox- und Einwegkameras entstanden, und ohne digitale Manipulation vergrößert worden.
Im Morgengrauen der Modernität irrte der Lumpensammler, Alter Ego des Flaneurs Baudelaire durch das Herz einer alten Vorstadt. Von Mauer zu Mauer wankend krümmt er sich „unter einem Pack von Überresten, dem kunterbunten Auswurf der Riesenstadt Paris“.
Im Sonnenuntergang des Abendlands wandert der Nomade Werner Schroeter, um les Poussières d’Amour, die „Abfallprodukte der Liebe“ aufzuspüren. Die Premiere der Photographien Schroeters ist ein Tribut an die Vielfältigkeit, das poetische Fragment, das Jetzt und die Ambivalenz, die als neue Karnevalsgötter im fliegenden und verschwimmenden anti-hierarchischen Theater dieses exzentrischen Künstlers herrschen.
Der Regisseur bildet auf diesen Photographien die Gefährten seines Kunst- und Lebenswegs ab. Momentaufnahmen im Jetzt der Poussière de son Amour, der Abfallprodukte seiner vielfältigen Liebe.
Seine allegorische und groteske Kunst des Fragments, in den Filmen wie in den Photographien, überwindet alle konventionellen und beruhigenden Grenzen. Seine Dramaturgie steckt die Einheit in Brand. Aus der Asche wird der ursprüngliche Mensch wiedergeboren. Der kartesianische und bürgerliche Mensch bleibt überrascht auf der Schwelle des von Schroeter abgebildeten anti-hierarchischen Theaters, in dem ein anti-christliches und anti-individualistisches Credo gesungen wird.
Schroeter „lässt die anarchischen Körper und Ihre Wunder auf der Bühne singen, ihre Wunder und Wunden“. Das Wunder einer fröhlichen „Identitätenvielheit“ und die Wunden ihrer Liebe. Er taucht seine Figuren in einen Zeitsturm, in dem das Organische in Auflösung begriffen ist. Die Küsse, die Gesichter, die Lippen, die Wangen und die Wimpern erfreuen sich einer autonomen Steigerung und erfinden eine „nicht-disziplinierte Erotik“ (Michel Foucault). Sie tanzen im Jetzt vor uns und vor sich selbst. Die Photographien sind wie kleine Inszenierungen. Kleine Bühnenbilder des knospenden Körpers. Kleine Theaterstücke, gespielt von polyphonen, dekonstruierten und vielschichtigen Identitäten. Eine Aneinanderreihung vieler Bilder, die im Jetzt die Türe des Morgens und des Gestern öffnen und eine paradoxale Bewegung erzeugen.
1973, Magdalena Montezuma neben einem Bild. Wir können das Echo von Schroeters Stimme hören. Sie kommt aus der Ferne und spricht mit den Worten von Jean Genet. Sie haucht in Magdalenas Ohr die Worte: „Tanze allein. Blass, fahl, ängstlich bedacht, Deinem Bild zu gefallen: so wird es schließlich Dein Bild sein, das für Dich tanzt“. Eine verschwindende Figur tanzt für sie, aber ihre Blicken treffen sich nicht. Magdalena bleibt auf dem Drahtseil des Momentes stehen. Das Bild, ihr Bild des Gestern und des Morgen, öffnet den unheimlichen Abgrund der Unendlichkeit. Durch die manieristische Vervielfachung der Ebenen, wird der Zuschauer in diesen Zeitsturm gestürzt. Er sieht Magdalena, er sieht ihr tanzendes Bild, aber sie sehen ihn nicht. Eine stille Figur im Hintergrund betrachtet ihn.
Auch Schroeter starrt ihn an, von einer anderen Aufnahme. Schroeter „ein Artist ist – leider“. Schroeter der bei sich singt: „Du kannst nicht mehr vor dem ungeheuren Abgrund Deine Augen schließen“. Mit Ironie sieht er uns und sich selbst. Die Anderen und das „Unerträgliche des Ichs“. Er will nicht "den Anderen (….) ändern“. Er versucht, „ihn als sinnvolle und leidenschaftliche Ergänzung zu sich selbst zu empfinden“. Der Zuschauer wird Teil der Kunst, weil er dieser Andere ist. Er ist der leidenschaftliche Blick, der den Gesichtern, den Lippen und den Wangen Sinn gibt.
Kreuzung der Blicke: der schiefe Blick von Christine Kaufmann, Antonio Orlando sieht Schroeter an, der uns betrachtet, der dekonstruierte und fast unsichtbare Blick von Marianne Hoppe, der Blick von Alberte Barsacq auf sich selbst, der Blick von Tonio Arango zu einem versteckten Punkt, der Blick der Träume und den Schlaf raubt. Und dann, natürlich, unser Blick.
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