Vernissage am 12. März, 18 Uhr
Einführung von Elmar Zorn am 12. März 2010, 19 Uhr
Der Bilderstürzer als Bilderretter
In unserem Bildgedächtnis haben wir die Inkunabeln unserer Zivilisation und unserer Kultur gespeichert. Die Auswahl, die wir treffen, um in der Erinnerung ein Bild hervorzuheben und ihr als Ikone eine Aura verleihen, unterliegt quantitativen und qualitativen Wahrnehmungsvorgängen.
Der Anblick etwa von Michelangelos "David"-Skulptur, für die meisten von uns zum hunderttausendsten Mal gesehen über Abbildungen in Printmedien, kulminiert in unserem Rezeptionsgebaren zu Hypostasierung des Bildes als Verkörperung normativer Schönheit dieser Figur. In der durch uns hergestellten ästhetischen Wertschöpfung wird das Bild der Skulptur gewissermaßen zu einem Heroen, zu einem anerkannten, ja vielleicht sogar verehrten Denkbild im Horizont unserer ästhetisch-ethischen Orientierung und Welterfahrung.
So unerschütterlich diese Methode angewendet wird und einen großen Teil unseres kommunikativen kulturellen Übereinkommens in der Gesellschaft darstellt, so kommt es aber auch immer wieder zu Störungen dieses Betriebsablaufes von Wertschöpfungen. Die sind allerdings selten im Vergleich zu der Bombardierung mit Auratisierungsappellen, denen wir permanent ausgesetzt sind in unserer Mediengesellschaft mit ihrer Bilderflut, inmitten des Wandels von der Lesegesellschaft zur Bildgesellschaft, dem sogenannten Iconic Turn. Bilderstürze, Iconoplasmen heißen diese kurzen und heftigen Phasen der Bildergötterdämmerung in der Geschichte. Bei Matej Kosir haben wir es mit einem solchen fortgesetzten Bildersturz zu tun. Das unterscheidet seine Malerei drastisch von allen satirischen, karikaturistischen und ironischen Travestien anderer Malerkollegen, die den kulturellen Heiligenbildern immer von Neuem zusetzen. Wie oft etwa wurde das Gemälde „Mona Lisa“, die berühmte „Giaconda“ von Leonardo da Vinci, bildnerisch verhunzt und verlacht. Ein ganzer Abriss der Kulturgeschichte ließe sich auf den mannigfaltigen Abbildzitaten der "Mona Lisa" aufbauen, bis hin zum gerasterten, in einen winzigen Chip miniaturisierten und gepressten Bild, das von dem russischem Künstler George Pusenkoff aus Köln konfektioniert und von dem italienischen Astronauten Roberto Vittori als Performance ins Weltall mitgenommen wurde, dort ausgesetzt als das wohl einzige im Kosmos floatende Kunstwerk, und in einer ganz Venedig umspannenden Kunstaktion von der Biennale 2005 als "Mona Lisa goes space" zelebriert. Matej Kosir verspottet nicht, noch nicht einmal kommentiert er das bekannteste Werk der Kunstgeschichte oder transzendiert es wie Pusenkoff. Er verbrennt es, genauer: Er führt es vor als ein halb abgebranntes Bild, dies aber in einer von ihm gefertigten wunderschönen Malerei in altmeisterlichen Stil. Der Akt der Verbrennung, der aufgefasst werden könnte als Geste der Verneinung, Ablehnung, gar des Hasses, wird so zu einem positiven Akt der Schöpfung neuer Malerei - mit alten Mitteln.
Seiner Aura entkleidet, tritt das Bild des ursprünglichen Originals hervor, welches zu Tode reproduziert wurde und daher nur noch seine Fassade vorzeigt, hinter der sich nichts mehr finden lässt, im besten Fall nur die Lüge über die vorgespiegelte Aura des Kunstwerkes. Doch - und darin besteht die paradoxe künstlerische Methode dieses Malers - lässt Kosir aus der von ihm durch Übertreibung, Zerstörung, Verfremdung oder Distanzierung gebranntmarkten Bild bzw. Abbild ein anderes entstehen, in einer ins Auge fallenden, geradezu poetologischen Demonstration der Brillanz seiner malerischen Mittel.
Kosir stellt in seinem neuen Bild somit eine neue Aura her. Bei ihm verbirgt nunmehr die glänzende Oberfläche kein Vakuum. Sein neues Bild erzählt hingegen die Geschichte seiner mitzitierten, der verfehlten, der missbräuchlichen Rezeption. Das geschundene Bild, das im lügenhaft ideologisierten Einsatz millionenhaft vergewaltigte Kunstwerk, erhält durch den Künstler einen neuen Glanz, eine neue Oberflächenästhetik in Kosirs kluger, programmatischer Intervention meisterlicher Neuschöpfung.
Die auf den ersten Blick effekthascherische, ja noch nicht einmal sonderlich originelle Bloßstellung des allseits bekannten Mißbrauchs, die wir in den Werken von Kosir zu entdecken glauben, entpuppt sich schnell als ein Vorgang der Heilung, ja vielleicht Heiligung des verletzten Bildes. Der vermutet respektlose Bilderstürzer Matej Kosir zeigt sich als ein Bilderretter.
Dr. Elmar Zorn
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